Das Schiff ist der Star

Südostasien ist neues Terrain für die MS Hamburg. Vom indischen Mumbai bis zu den Malediven kreuzte sie in diesem Winter und erweitert damit ihr "Routing-Konzept", mit dem sie sich von anderen Schiffen absetzt, die eindeutige regionale Schwerpunkte setzen. Ich war auf dieser kleinen "Premiere" von Mumbai bis Phuket dabei.

 

Die Crew der MS Hamburg begrüßt ihre Gäste nicht. Sie umarmt sie. Wenn nicht - wie tatsächlich bei manchen geschehen - im Wortsinne, so doch im übertragenen. Eine Willkommenskultur, die sich mir auch mitten in der Nacht offenbart. Den Hürdenlauf über die Schranken der indischen Zollbürokratie machten morgens um 4:00 Uhr ein gut gelaunter Kreuzfahrtdirektor Peter Schulze Isfort und eine wie stets strahlende Concierge Alex Cortese nach wenigen Schritten über die Planken der Hamburg vergessen. Nun aber rasch in die Kabine - den langen Flug aus den Knochen schlafen!

 

Die Gäste des Veranstalters "Plantours" waren zugestiegen. Die MS Hamburg kreuzt nicht in einer Region, sie durchquert den gesamten Globus. Das macht das Touren mit ihr zu einer Fortsetzungsfolge. Eine, der sich die Gäste nur schwer entziehen können. Manche an Bord verweigerten am Ende der Tour, die von Mumbai über Sri Lanka und den Norden Indonesiens in Phuket endete, spontan die Ausschiffung und buchten die Fortsetzung. Für sie ging es weiter nach Singapur, Ho-Chi-Minh-Stadt und schließlich Hongkong. Nicht immer in der gleichen Kabine, doch Alex - wie sie rasch von den meisten Passagieren genannt wurde - fand stets eine Lösung. Das sogenannte "Routing"-Konzept funktioniert.

 

Den "Fröhlichen Morgenwecker", den das Bordradio pünktlich um 7:45 Uhr liefert, wird tags drauf noch nicht jeder der Neuankömmlinge eingeschaltet haben. Ein weiterer Baustein im Konzept der MS Hamburg, das auf persönlichen Kontakt zu den Gästen baut. Hier erzählen Crew-Mitglieder von sich und von Reise-Erlebnissen, es wird auf bevorstehende Ausflüge hingewiesen oder einfach nur Musik gemacht. Zum Frühstück im Palmgarten waren alle wieder auf den Beinen. Der Kaffee dampft, der Sekt steht auch schon kalt, und inmitten des Rundells aus Frühstückstischen im Stil von Holzgartenmöbeln gluckst ein einladender Pool. So kann der Tag beginnen!

 

Jede Menge Indien

 

Wer schon länger mit auf Tour war, ließ sich die Rundfahrten durch die Metropole Mumbai nicht entgehen. Die "Neuen" ließen es etwas gemächlicher angehen, doch schon gegen Mittag lockte die Bootsfahrt zu den Elephanta-Inseln. Die kleine, bewaldete Insel verdankt ihren Namen einem steinernen Elefanten, den die Portugiesen im 16. Jahrhundert am Hafen fanden, und der heute in den Victoria Gardens von Mumbai zu bestaunen ist. In Erstaunen aber versetzen ebenfalls der Höhlentempel aus dem siebten Jahrhundert, ein Wallfahrtsort der Hindus, der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Und auf dem etwa 20minütigen Fußweg von der Anlegestelle aus gibt's jede Menge Indien: Äffchen auf den Dächern, wenig heilig wirkende Kühe auf dem Weg, Läden, die ebenso Klimbim wie wohlriechende Gewürze feilbieten, Barbiere verwöhnen Männerwangen - und wer will, kann sich auf einem an zwei Bohlen geschraubten Stuhl hinauf tragen lassen. Spätestens jetzt war man in Indien angekommen. Auf der etwa einstündigen Rückfahrt per Boot zum Gateway auf India vor einem purpurnen Sonnenuntergang ging einigen vermutlich die Frage durch den Kopf: "Kann das sein, dass ich noch gestern im deutschen Regen auf mein Taxi gewartet habe?"

 

 

Softpower vs. Gigantomanie

 

Ein Tag auf See bot Zeit zur Orientierung. Die Hamburg ist ein überschaubares Schiff. Und genau damit punktet sie. "Wir bieten keine sensationelle Wasserrutsche oder eine Kletterwand - und das wollen wir auch gar nicht", erläutert Kreuzfahrtdirektor Peter Schulze Isfort das Konzept "seines" Schiffs. "Was wir zu bieten haben, ist 'Softpower'!" und meint - in Anlehnung an den Begriff aus dem Personalmanagement "Soft-Skills" - Eigenschaften, die nicht mit gigantomanischen Zahlen zu belegen sind. "Auf einem Giga-Liner kenne ich nach Monaten nicht einmal jeden im Team. Hier kennt jede Servicekraft in Kürze jeden Gast beim Namen und weiß, was er gerne trinkt." Und dann freut er sich, als er anführt: "Wir haben Gäste hier an Bord, die sind von Dezember bis Mai auf dem Schiff!" Ein Bestätigung für seine und die Arbeit seines Teams, aber auch eine für das Routing-Konzept.

 

Ein Konzept, das auch dem Kapitän Vladimir Vorobyov gefällt. Der gut deutsch sprechende Ukrainer wusste genau, warum er sich vor dem Interview bei seinem Kreuzfahrtdirektor nach dem deutschen Wort für "boring" erkundigte. Denn, so erklärte er alsbald: "Ich genieße es, alle Weltmeere zu befahren. Alles andere wäre langweilig!" Ob er denn nicht gerne einen der ganz großen Pötte fahren wolle? "Langweilig", schmettert der sympathische Seebär zurück und lacht. Nein, er wolle Kontakt zu den Passagieren haben und die Zeit dafür. "Bereits nach meinem ersten Praktikum stand für mich fest, auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten zu wollen. Seit 41 Jahren bin ich auf Passagierschiffen tätig. Aber ich wechsele das Schiff nicht so oft. Die Hamburg ist mein fünftes Schiff - und vermutlich auch mein letztes." Sprachs und übergab eine Urkunde an den Sieger des Skat-Turniers, an dem er selbst teilgenommen hatte. Der Kapitän wurde Zweiter, und "er hat eine Kreuzfahrt gewonnen", witzelte Schulze Isfort.

 

Authentische Eindrücke

 

Am nächsten Morgen liegt die Hamburg am Kai vor Marmagoa, einer Hafenstadt in einem Bundesland Indiens, das die Herzen der 68er Generation höher schlagen lässt: Goa! Ich stehe nun vor der Wahl, eine der Ausflüge mit zu machen oder die 97.000-Einwohner-Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Ich entscheide mich für letzteres.  

 

Der Gang durch die Stadt vermittelte authentische Eindrücke. Das hatte er vermutlich dem Ausflug zu einer touristischen Attraktion voraus. Er zeigte aber auch, dass Indien nicht nur das Land der goldenen Pagoden, der schönen Frauen mit dunklen Augen und der prachtvollen Tempel ist. Ja, ich kam vorbei an pittoresken Märkten, doch der Geruch war nicht immer nur ein würziger. Ich kam vorbei an Bauten, die nicht nur Zeugen einer vergangenen Pracht waren, sondern in einem Maße verrottet, dass ihnen jedweder maroder Charme abhanden gekommen war. Und ich sah malerische Fischerboote am Strand. Doch sie lagen auf einem Sand, der durchsetzt war vom Plastikunrat des 21. Jahrhunderts, für dessen Konzentration und Menge Toleranz zu zeigen ich nicht bereit bin. Es blieb keine Zeit, Verständnis zu entwickeln. Das Schiff wartete.

 

Keine Überraschung, dass ich mich in Mangalore für einen der zahlreichen Ausflugsangebote entschied. An jedem Hafen warteten ein halbes Dutzend Busse, die die rund 280 Gäste an Bord zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung brachten. Meiner steuerte Kultstätten einer hochinteressanten, eigenständigen Religion an: dem Jainismus. Ein Bild von dieser Religion zu bekommen, hieße eine solche Tagesfahrt zu überfordern. Nur so viel: Es ist eine Religion der absoluten Gewaltfreiheit, die so weit geht, dass Anhänger stets einen Mundschutz tragen, um nicht Insekten einzuatmen und so zu töten. Und die konsequentesten Anhänger lehnen in ihrer Bedürfnislosigkeit das Tragen jedweder Kleidung ab. Nicht auszudenken, würden sie sich damit hierzulande auf die freie Ausübung ihrer Religion berufen.

Die Monolith Statue des Jain Gomatswara und der "1000-Säulen-Tempel" in Moodbri - das war wieder ganz das Indien, das man aus Büchern und von Fotos kennt. Blumenkränze - Mönche, die rote Punkte auf die Stirn setzen - mystische Gestalten in Stein gehauen. Das findet man nicht bei eigenständigen Spaziergängen. Da machen geplante Ausflüge Sinn, auch wenn man den Busfahrer an so mancher Stelle zum Fotostopp hätte bitten mögen.

Vergnügungspark für einen guten Zweck

 

Keinen Stopp allerdings machte der Busfahrer aus gutem Grund bei der Landpartie von Colombo in Sri Lanka nach Pinnawela. Drei Stunden brauchte er durch das quirlige Colombo, durch die tropische Landschaft mit Reisfeldern, Urwald, Tee- und Kautschuk-Plantagen, bis er nordöstlich von Kegalla in einem Dorf ankam, das nur von einem Geschöpf bestimmt wurde: von Elefanten.

 

Am Ufer des Flusses Maha Oya hat sich hier im Laufe von vierzig Jahren ein Elefanten-Waisenhaus etabliert, das inzwischen Weltruf hat. Gut 50 der eindrucksvollen Tiere werden hier versorgt und ausgebildet. Viele davon sind Jungtiere, die den Kontakt zur Mutter verloren haben. Wer früh genug da ist, kann die Jüngsten bei der Flaschenfütterung beobachten. Den ganze Tag aber werden Gruppen der Dickhäuter durch die Souvenir-Einkaufsstraße geführt, die vom eigentlichen Camp zur Badestelle führt. Wer mag und ein paar Dollar ausgeben will, darf die Tiere streicheln oder im Fluss mit Wasser bespritzen. Bei aller Nähe zu den massigen Tieren achten die Pfleger dabei durchaus auf die Sicherheit der Touristen.

 

Das Ganze hat schon ein wenig den Charakter eines Vergnügungsparks. Aber die Hege von einer solchen Anzahl an Elefanten kostet viel Geld. Da heiligt der Zweck allemal die Mittel. Und den Tieren schien es rundum gut zu gehen. Da war keinerlei Aggressivität zu spüren. Und wenn ein Tier in Ruhe baden wollte, ging es halt etwas was tiefer ins Wasser. Der Tag jedenfalls war ein Fest für jeden, der eine Kamera dabei hatte - also für jeden.

 

Freude bei zehn Mädchen

 

Der zweite Tag in Sri Lanka ist bestimmt von einer Aktion, mit der Plantours seit langem von sich reden macht. Dort ist es inzwischen Tradition, Förderungswürdige Einrichtungen in aller Welt zu unterstützen. Alle Jahre wieder spart der Kreuzfahrtveranstalter das Geld für teure Weihnachtsgeschenke an Geschäftspartner ein, und spendet den Betrag an Projekte, die das Geld nötiger haben. „Darüber hat sich bisher noch keiner beschwert“, bemerkt Geschäftsführer Oliver Steuber mit einem Augenzwinkern. Dieses Jahr fiel die Wahl auf den Verein "Kinderhilfsprojekt Galle-Sri Lanka e.V. mit Sitz in Pirmasens. Von dort aus wird das Projekt "Chatura-Kinderheim" geleitet. Plantours ist daran gelegen, Projekte zu finden, die auf der Route der MS Hamburg liegen. So bietet man den Passagieren an Bord einen Bezug zu den Spenden, um die auch während der Fahrt gebeten wird, und es besteht die Möglichkeit, die Zuwendung persönlich und zusammen mit Gästen zu übergeben.

 

Der 22. Januar war also ein spannender Tag für zehn junge Mädchen und Vinitha, die Heimmutter des Chatura-Kinderheims in Galle. Eine Gruppe von der MS Hamburg, unter ihnen Kreuzfahrtdirektor Peter Schulze-Isfort, Concierge Alexandra Cortese und einige Gäste machten sich an diese Morgen auf zu dem idyllisch gelegenen Heim auf dem Land vor Galle.

 

 

 

Die kleine Delegation kam schließlich nicht mit leeren Händen: Sachspenden und einen symbolischen Scheck übergab der Kreuzfahrtdirektor an Heimmutter Vinetha. Darauf stand die beeindruckende Zahl 3.585. Allein 3.000 Euro kamen direkt von Plantours Kreuzfahrten aus Bremen. Vermutlich ist der tatsächliche Betrag jedoch höher ausfallen, denn noch bis zum Ende der Reise wurd für das Chatura-Kinderheim an Bord gesammelt.

 

Das Haus bietet 20 Mädchen ein behütetes und liebevolles Zuhause, das ihnen ihr Elternhaus aus welchen Gründen auch immer nicht bieten kann. Die Mädchen im Alter zwischen fünf und 18 Jahren werden hier offenbar mehr als nur versorgt. Davon konnten sich die Kreuzfahrer selbst überzeugen. Das mit fröhlichen Accessoires eingerichtete Haus verfügt über eine Bibliothek, einen Spielplatz und ist umgeben von einem gepflegten Garten. Hier leben die Mädchen. Sie gehen von hier aus zur Schule und machen, betreut von zwei Pädagoginnen, ihre Hausaufgaben. So gut aufgelegt, wie die etwa zehn anwesenden Mädchen wirkten, scheint das Leben im Chatura-Kinderheim, ein guter Ort zu sein, um die dunklen Seiten ihrer Vergangenheit zu bewältigen. Die restlichen zehn Mädchen, die bei dem kleinen Empfang nicht dabei sein konnten, mussten an diesem Morgen ihr Sportabzeichen machen. Schule geht vor!

 

Als am Abend Peter Schulze Isfort vom Chatura-Kinderheim berichtete, stockte ihm kurz die Stimme, so sehr hatte ihn der Begegnung mit den Mädchen berührt, die im Verlauf des Besuchs von schüchternen Kindern zu lustigen jungen Mädchen wurden, die Lieder sangen und mit den Leuten aus Europa lachten und feixten.

 

Das Schiff ist der Star

 

Wenn der Maschinist zum Entertainer wird und das Zimmermädchen zur Chansonette, dann ist Crewshow auf der MS Hamburg. Wer jetzt glaubt, da sei Fremdschämen angesagt, der täuscht sich gewaltig. Das war keine Selbstdarstellung der Team-Leiter, das war sauber - nein - richtig gut vorgetragene Musik mal mit guten Stimmen, manchmal mit eigener Gitarrenbegleitung von jenen aus der etwa 170köpfigen Besatzung, die sonst wenig oder gar nicht im Blick der Passagiere sind. Kurz vor Schluss der Show entschuldigte sich die bezaubernde Sascha aus Moldawien nach dem Servieren der Getränke bei den Gästen an ihrem Tisch, streifte ihre Schürze glatt und ging auf die Bühne. Und dann servierte sie perfekt "My Endless Love", bevor sie wieder an die Arbeit ging. Standing Ovations!

 

Wenig später stieß ich per Zufall auf eine bemerkenswerte Szene. Da standen sie in einer Ecke des Treppenhauses, die Jungs und Mädels von der Crew. Jeder hatte ein Glas Sekt in der Hand. Abseits vom Rampenlicht in der Lounge kamen sie kurz zusammen, um sich still und bescheiden ein wenig selbst zu feiern. Dann ging es wieder an die Arbeit, die Betreuung der Gäste. Das Schiff ist der Star.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    c. hepp (Sonntag, 28 Februar 2016 11:42)

    Super! Ich war wieder mit jeder Faser in Indien und an Bord! Danke, dass Sie mich "mitgenommen" haben.