Über den Wogen

Abstand. Wenn die Leinen los sind, ist es, als ließe man alles hinter sich. Jeder weitere Meter zwischen der Reling und dem Kai scheint zu bedeuten: Es gibt kein Zurück mehr. Die Welt, zu der man gehörte, entrückt nur ganz allmählich und ist doch sofort in weiter Ferne. Dann wendet man seinen Blick über den Bug hinaus auf das offene Meer, und man erhält eine Ahnung davon, welch‘ überwältigendes Empfinden des Aufbruchs Seeleute haben mögen, wenn mit dem Ozean Monate der Reise vor ihnen liegen.

Die „Franzius“, ein nach historischem Vorbild um Jahrtausendwende nachgebautes Plattbodenschiff, nimmt keine Fahrt auf. Das hat sie nicht nötig. Als wenn das Schiff die Gelassenheit des Alters hätte, aus dem ihre Baupläne stammen, orgelt der 240-PS-Diesel ihre 65 Tonnen gemächlich durch die Fahrrinne. Die Reede am Horizont schrumpft kaum merklich. Noch herrscht geschäftiges Treiben an Bord. Die Tampen werden gerichtet, der Skipper telefoniert, Taschen werden verstaut.

 

Die „Franzius“, das sind von jetzt an zweiundzwanzig mal sechs Meter Mikrokosmos. Vier Seeleute als Crew und 16 Gäste sind vom 28. Juli bis zum 3. August an Bord. Einander völlig fremde Menschen unterschiedlichster Herkunft und mit der unterschiedlichsten Vita haben sich darauf eingelassen, eine Woche lang diese etwa 100 Quadratmeter zu teilen, in einem Raum zu essen und zu schlafen. Die einen lassen die Sorgen um ihr krebskrankes Kinder hinter sich, die anderen die Trauer um ihre vor kurzem verstorbene Schwester. Das Ufer scheint noch in Griffweite, doch Stress und Ärger im Job sind schon in einer anderen Welt. Berufliche Stellung, Bildung und Alter spielen keine Rolle mehr. Die Charaktere reduzieren sich auf das Wesentliche. Was nun zählt sind die Bereitschaft zum Zupacken, der Blick für den anderen, der Humor, die Empathie.

 

Die Crew dient und führt zugleich. Die alten Fahrensmänner haben das Sagen und die Verantwortung für die Sicherheit und für ein Gelingen der Reise. Dazu gehört auch eine gute Stimmung an Bord. Somit ist alles, was sie sagen, von Achtung und Verständnis für die Unbeholfenheit der Gäste, die hier Trainees genannt werden, getragen. Denn die müssen mit ran. Die Segel könnte die Crew nicht alleine hissen. Die Trainees helfen beim Tischdecken, Abwaschen und Anlegen.

 

Da fällt es also einem Bremer Studenten der Meeresbiologie ein, zur Probenentnahme für seine Bachelor-Arbeit längs der Ostfriesischen Wattenmeerküste eine Schiffsladung Mitmenschen mit auf die Reise zu nehmen. Alle Inseln sollten angefahren werden. In jedem Hafen galt es, Proben zu entnehmen. Und dann chartert Meinhard Meiners-Hagen kurzerhand ein Schiff dafür! Kein Motorboot und keine mondäne Segelyacht, sondern einen historischen Plattbodensegler. Wer mitfährt weiß kaum, was ihn erwartet, ist einfach nur neugierig. Eine Neugierde, die Meinhard Meiners-Hagen nutzt. Er nimmt sie mit auf seinen Wegen durch den Schlick, lässt sich helfen bei der Auswertung der Proben, hält jeden Abend einen kleinen Vortrag über die Wunder des Naturerbes Wattenmeer. Niemand wird genötigt, doch alle sind dabei. Dennoch bleibt viel Zeit, das offene Meer oder die verschlungenen Wege durch das flach überspülte Watt zu erleben.

 

Ob gewollt oder ohne es zu ahnen – Meiners-Hagen trifft so den Punkt dessen, was man Umweltpädagogik nennt. Niemand verlässt das Schiff, ohne ein tiefes Empfinden für diese einzigartige Region gewonnen zu haben. So liefert er einen Mosaikstein für das Gesamtbild, das man den Menschen des Binnenlandes über die ostfriesische Küstenlandschaft bieten sollte.

 

 

 

Zwar ist Meinhard Meiners-Hagen der Leiter der Expedition durch das Wattenmeer. Dennoch steht fest: Skipper Klaus Thormälen ist die Nummer eins. Der 75jährige ist ein Seebär, wie man ihn sich besser nicht malen könnte. Seiner Position ist er sich so gewiss, dass er nie ein lautes Wort benötigt. Ein Souverän. Immer wieder richtet er den Blick zum Himmel, dann erfolgt das Kommando auf seine Art: „Na Jungs, dann lass uns mal Segel setzen.“ Im Nu sind nicht nur die Stammbesatzung sondern auch die Trainees auf den Beinen. Nach zehn Minuten emsiger Geschäftigkeit bläht sich das Hauptsegel im Wind auf. Der Skipper stellt den Motor ab und haucht mit leuchtenden Augen: „Wir segeln!“ Und dann möchte man diesen Baum von einem Mann am liebsten drücken.

 

 

Eine Woche lang kein Wort über Krankheit und Verlust, über Beruf, Haus oder Auto, über Geld und Erfolg. Abstand.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0