Die auf den Wellen läuft

Auf einer luxorösen Segelyacht durch die Ägäis! Ein Traum! Eine Woche lang konnte ich ihn auf der "Running on Waves" träumen. Leider sollte es für Steffen Spiegel nur ein kurzer Traum werden. Wenige Monate nach dieser "Jungfernfahrt" ist sein Reiseunternehmen "Bow Line" in die Insolvenz gegangen. Dennoch: Eine Kreuzfahrt wie diese bleibt eine wunderbare Alternative zu den Angeboten von AIDA und Co.

 

An den Rumpf der Running on Waves schlagen glucksend die Wellen der Ägäis. Die Sonne steht noch flach über dem Horizont und schickt rotgoldene Lichtkegel durch das Bullauge in die kleine aber wohnlich eingerichtete Kabine. Zeit für den ersten Kaffee des Tages. Über eine steile aber an jeder Stufe beleuchtete Holztreppe, deren Trittkannten zur Sicherheit mit silbernen Eisen armiert sind, geht es hinauf an Deck. Es ist schon jetzt angenehm warm - etwas mehr als 20 Grad. Das Meer ist noch dunkelblau. Im Laufe des Tages wird es von leuchtendem Türkis am Mittag, wenn die Sonne hoch steht und am Ufer bis auf den Grund leuchtet, bis zum dunklen Rot am Abend changieren. Jetzt herrscht beinahe Windstille. Jedenfalls an Bord. Die Segel sind gesetzt.

 

Die Running on Waves ist eine Segelyacht und ein Kreuzfahrtschiff zugleich. Ans Luxuriöse grenzende Annehmlichkeiten? Ja. Gutes Essen? Oh ja! Jeden Tag in einem anderen Hafen? Na klar! Aber Gigantomanie auf zwölf Decks? Mehrere tausend Gäste an Bord? Zahllose Bars und Restaurants? Abendliche Shows? Das alles nicht. Dennoch: Langweilig wird es nie auf dem klassischen Klipper Baujahr 2011.

 

Die Yacht ist gelassen unterwegs. Etwa sieben Knoten. Mit 1200 Quadratmeter Segelfläche ist der 64 Meter lange und neun Meter breite Dreimaster bestens versorgt. Die 13 Segel bringen ihn auch bei leichter Brise problemlos in Fahrt. Dabei hilft der geringe Tiefgang von 3,20 Metern, mit der die hochseetüchtige Running on Waves auch das Anlaufen von Häfen kleinerer Küstenstädte problemlos ermöglicht. Unter Maschine erreicht die schlanke Yacht maximal 18 Knoten. Bei Bedarf kommen Stabilisatoren zum Einsatz.

 

 

 

Der Bedarf besteht jetzt nicht. Man nimmt sich Zeit zwischen den Inseln der Kykladen. Noch wird das Frühstück vorbereitet, doch wer es sich am Heck gemütlich macht (und vielleicht eine erste Zigarette ansteckt), der muss nicht lange auf eine Tasse Kaffee warten. Der indonesische Oberkellner mit dem ortstypischen Namen Franz kennt jeden Gast beim Vornamen und seine Bedürfnisse. Man ist per Du an Bord. Doch das tut der gegenseitigen Höflichkeit nicht den geringsten Abbruch.

 

 

Die Running on Waves ist nicht ganz ausgebucht. 50 Gäste kann sie aufnehmen, doch ganz so viele haben sich noch nicht gefunden. Das wäre auch überraschend gewesen, denn es ist - naja - so etwas wie eine Jungfernfahrt.

 

Am 2. Mai nämlich stieß die Running on Waves erstmals im Auftrag der "Bow Line Maritime GmbH" in See. "Bow Line" ist die englische Bezeichnung des gängigen Seemannsknoten "Pahlstek", den zu durchschlagen sich Steffen Spiegel vorgenommen hat. Der studierte Tourismus-Fachwirt aus Bremen ist mit den Wassern aller Weltmeere gewaschen. "Ich war zumeist auf kleineren Schiffen unterwegs. Doch kleiner, das hieß 300 bis 500 Gäste. Das war mir immer noch ein wenig zu groß. Ich fand es immer interessant, mit Schiffen auch kleinere Buchten anfahren zu können." So traf er im vergangenen Jahr "mehr oder minder durch Zufall" mit Rouben Chochrjakov, dem russischen Eigner zusammen, der sein Schiff gerne auch auf dem deutschen Markt positionieren wollte. "Nachdem ich das Schiff gesehen hatte, stand der Entschluss fest, die Gesellschaft 'Bow Line' zu gründen. Ich habe mir das Limit von etwa 50 Passagieren gesetzt." Steffen Spiegel geht mit der Besetzung der Nische durchaus ein Risiko ein, das er aber für kalkulierbar hält. "Die Tendenz der vergangenen Jahre ging hin zu immer größeren Schiffen. Vier- fünf- sechstausend Gäste. Die kleinen Schiffe sind aus unterschiedlichen Gründen vom Markt verschwunden. Ich habe aber oft von Passagieren gehört: 'Wir mögen diese kleinen Schiffe, wir mögen das Unaufgeregte, wir brauchen kein großes Abend-Entertainment'. Inzwischen, da wir 'Bow Line' gegründet haben, ist das Feed-back extrem positiv."

 

 

Die "Bow Line"-Flotte umfasst schon jetzt drei Schiffe. Neben der Running on Waves kreuzen noch die Segelschiffe Mercedes und Eldorado überwiegend in heimischen Gewässern. "Mit Tagestörns vor unseren Küsten sprechen wir Gruppen und Erstkreuzfahrer gezielt an", erläutert Spiegel.

 

Der Erst-Kaffee ist getrunken, das Frühstück wartet. Wer morgens keinen Hunger hat, bekommt ihn spätestens, wenn er im Speisesalon vom Duft des Omelette, der Spiegeleier und des vom Chefkoch Joanis Venieris selbst gebackenen Brotes empfangen wird. Joanis ist Koch aus Leidenschaft. Jeden Morgen ist er ab 4 Uhr auf den Beinen und bereitet die Speisen des Tages vor. Die Zutaten dazu hat der Zypriot, der zuvor einige Jahre einen Scheich in Dubai bekocht hat, selbst auf dem Markt gekauft - in mehr als ausreichender Menge.

 

Neben Kaffee, Ei, Croissants und Keksen liegt das Programm des Tages, dass die Passagiere an jedem Vorabend in ihrer Kabine finden. Während "Die auf den Wellen läuft" gemächlich ihre Bahn zieht, steht für die wagemutigen Passagiere heute ein kleines Abenteuer an: Mastklettern!

 

Geschlossen tritt die Gästeschaar um 10 Uhr auf dem Oberdeck an. Eigentlich ein beschaulicher Platz. Hier stehen die Liegestühle für ein Sonnenbad bereit. Wer mag, kann sich in dem etwas mehr als badewannengroßen Whirl-Pool aalen. Heute aber herrscht eine leichte Anspannung. Die meisten allerdings, sind lediglich gespannt, wer es sich zutraut, das erste "Krähennest" des Mastes via Strickleiter zu besteigen. 43 Meter ragt der über das Meer. Das Nest ist jedoch "nur" etwa zehn Meter hoch. Einem Piraten würdige Akrobatik jedoch wird nicht erwartet. Die zumeist jüngeren unter den Passagieren unterschiedlichsten Alters werden mit einer Korsage bekleidet und sicher angeseilt. Ein Matrose geht den wackligen Aufstieg bis zum Ziel mit. Und trotzdem: Der tosende Applaus ist den kühnen Gast-Seglern gewiss!

 

Nun haben sich aber alle das Mittagessen verdient! Zuvor noch mal kurz in die Kabine, auch wenn es keinen Dress-Code an Bord gibt. Die Bezeichnung "Kabine" ist in den meisten Fällen mit Blick auf ihre Größe zutreffend. Natürlich gibt es auch Suiten, in denen neben dem Doppelbett auch Platz für eine Sofa-Ecke und einen Schreibtisch ist. Mit Blick auf die Einrichtung aller Unterkünfte aber kommt das einer Untertreibung gleich. Holzvertäfelung, bequeme, im Boden verankerte Drehsessel, ein Holzschrank mit Safe, der allerdings ein gewisses Geschick beim Verstauen der Kleidung voraussetzt. Natürlich ist jede Unterkunft mit einem Waschraum mit Dusche ausgestattet, überall hängt ein Flachbildschirm an der Wand, auf dem auch in Griechenland deutsches Fernsehen flimmert. Ein Passwort für die Internet-Verbindung hat jeder erhalten. 200 MB Traffic jeden Tag.

 

Erfrischt setzen sich die Gäste wieder an den gedeckten Tisch. Deren Belegung wechselt jeden Tag. Bereits nach kurzer Zeit kennt jeder jeden. Joanis hat Seebarsch-Tartar mit Ingwer und Erdbeeren auf der Karte. Der Fisch kommt natürlich vom Markt. Während des Essens herrscht in der ansonsten durchaus gesprächigen Gruppe andächtiges Schweigen. Derweil legt die Running on Waves in Patmos an.

 

Gestern noch waren die Kreuzfahrer auf der ebenso pittoresken wie auf Touristen ausgerichteten Insel Mykonos, Tags zuvor auf der Museumsinsel Delos. Beim "Port Talk", der vor jedem Landgang über den bevorstehenden Ablauf und die Sehenswürdigkeiten des Zielortes informiert, spart die charmante Kreuzfahrt-Direktorin Ninna Durinec nicht mit Superlativen. Zu Recht. Delos, dieser Brocken Erde, der da aus dem blauen Mittelmeer ragt, war lange bevor die sieben Hügel von Rom zusammenwuchsen das kulturelle, mythologische und kommerzielle Zentrum der damals bekannten Welt. Oder die kleine Hafenstadt Ermoupolis auf der Insel Syros. Die Hauptstadt der Kykladen-Insel blickt auf eine beachtenswerte Geschichte zurück. Die Stadt erlebte ihre beste Zeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als ihr Hafen – Achtung! – einer der bedeutendsten Hafen Europas und mithin vermutlich der gesamten westlichen Welt war. Er trieb regen Handel mit drei Kontinenten: Europa, Afrika und Asien. Und von ihm aus gab es einen regelmäßigen Fährkontakt über Marseille direkt nach New York. Syros! Heute eine kleine Insel im Mittelmeer. Da wird es mit einem Mal gewärtig, welch ein imposantes Kulturland dieses Griechenland doch ist, das in dieser Hinsicht auf einer Höhe mit den übrigen Ländern Europas steht. Und plötzlich versteht man, wie tief dieses Volk derzeit gedemütigt wird.

 

An Land merkt man davon nichts. Die fließend deutsch sprechende Reiseführerin, die am Bus wartet, erklärte das mit der Fähigkeit der Griechen, die Ebene der Politik und die zwischenmenschlicher Begegnungen zu trennen. Zudem sind die Griechen Tourismus-Profis genug, um zu wissen, wie Gastfreundschaft funktioniert.

 

Mit dem klimatisiertem Bus fahren die, die möchten, ins Insel-Innere. Andere bummeln durch die engen, weißen Gassen des Hafenstädtchens. Verpasst haben sie einen Blick auf die Insel von der Anhöhe des Johannesklosters, der im Wortsinne atemberaubend war.

 

Der Evangelist Johannes hat hier im Exil lebend in einer Gruft die Inspiration zu seiner Apokalypse erfahren. Der Mönch, der heute diese Stätte bewacht, die zu den heiligsten der Christenheit zählt, hat - wenn auch etwas mürrisch - auf seine Siesta verzichtet, um die Führung zu ermöglichen. Auch das zu Beginn des zweiten Jahrtausends aus den Ruinen eines Artemis-Tempel errichtete Kloster hat an diesem Wochentag eigentlich geschlossen. Doch Steffen Spiegel, der jeden Ort kennt, den "Bow Line" bereist, hat den Besuch möglich gemacht.

 

Nach etwa einer Stunde springt der Busmotor wieder an. Wer möchte und ebenso fotografier- wie wanderfreudig ist, spaziert jedoch zu Fuß zurück in den Ort. Im Mai ist Griechenland am schönsten, wenn die Wiesen und Bäume noch grün sind und zwischen allen Fels- und Mauerfugen Blüten in den prächtigsten Farben herauswachsen. Die Luft über den Wiesen, den vereinzelten Kühen und Schafen ist warm, aber sie flimmert nicht. In den Gassen ist schattig, nicht stickig.

 

So genießt die kleine Gruppe dieses Eintauchen in die Welt der Griechen für eine Woche abseits vom Massentourismus. Man wird eben nicht mit 4000 anderen Passagieren von Bord gespült. Das kleine Luxushotel mit familiärer Atmosphäre hat man dabei. Eine Woche die Inseln der Ägäis. Jeden Tag eine andere, jede hat ihren eigenen Flair und nicht jede ist ein Objekt der Shopping- Souvenir- und abendlicher Tanzbegierde.

 

Es ist Zeit genug, die Atmosphäre der Treppen, Gassen, Farben auf sich wirken zu lassen. Die einen bummeln, die anderen füllen ihre Speicherkarten mit ebenso begeisternden wie auf Postkarten und aus Katalogen bestens bekannten Fotos. Wieder andere trinken gemeinsam einen Espresso.

 

Bei einem doppelten dachte Steffen Spiegel laut über die Zukunft seines noch jungen Unternehmens nach: "Klar - wir belegen einen Nische, die per Definition klein ist, da unsere Schiffe klein sind. Wir haben aber zwei Vorteile. Zum einen müssen unsere Schiffe nicht aus Rentabilitätsgründen das ganze Jahr unterwegs sein. Wir müssen nicht im Dezember durchs Mittelmeer fahren. Der andere Vorteil ist, dass die Welt groß ist. Unser Ziel ist, mittelfristig Schiffe an allen Orten der Welt punktuell einzusetzen. Dabei wird gewiss auch die Antarktis einmal eine Rolle spielen, die Falkland-Inseln kann ich mir vorstellen oder die Seychellen. Da sind unserer Fantasie fast keine Grenzen gesetzt."

 

Das Tenderboot kommt natürlich pünktlich. Auf das weiße, schnittige Schlauchboot passen etwa 15 Personen. Aber dann wird es eng. Doch es pendelt bereitwillig mehrfach zwischen dem in der Bucht ankernden Mutterschiff und dem Pier hin und her. So hat jeder Platz, um sich nach allen Seiten umschauen zu können.

 

Zur Attraktion wurde das flinke Schlauchboot, als es auf See zur Umrundung der unter vollen Segeln stehenden Running on Waves genutzt wurde. Die schnittige Yacht unter den weißen Segeln auf dem tiefblauen Meer - ein Fest für jeden mit Sinn für's Maritime!

 

Heute geht es auf direktem Weg und voller Kraft zurück an Bord. Die Bugwelle spritz ein wenig. Die Augen der Insassen glänzen, die Haut auch - bei manchen ein wenig rötlich.

 

Der Tender legt an der Badeplattform der Yacht an. Von einer auf die Höhe des Wasserspiegels zu liftenden Bühne ist nicht nur der Einstieg leicht, von hier aus kann auch gebadet, gesurft und geschnorchelt werden. Die notwendigen Geräte dafür stehen bereit.

 

Noch vor dem Abendessen heißt es "Leinen los". Immer ein besonderer Moment. Dann ist es jedes Mal, als ließe man alles hinter sich. Jeder weitere Meter zwischen der Reling und dem Kai scheint zu bedeuten: Es gibt kein Zurück mehr. Die Welt, zu der man gehörte, entrückt nur ganz allmählich und ist doch sofort in weiter Ferne. Dann wendet man seinen Blick über den Bug hinaus auf das offene Meer, und man erhält eine Ahnung davon, welch überwältigendes Empfinden des Aufbruchs Seeleute haben mögen, wenn mit dem Ozean Monate der Reise vor ihnen liegen.

 

Solchen und ähnlichen Gedanken gehen die Gäste nach, wenn Franz ihnen einen Longdrink oder auch nur ein Glas Wasser serviert. Ein Abendprogramm ist heute nicht vorgesehen. Gestern haben sie einen Film über die Umseglung von Kap Horn gesehen. Doch ein Programm wird auch nicht gebraucht. Das Schiff ist das Programm, die sich blähenden Segel, die schwarzen, geschwungenen Küstenlinien vor glutrotem Abendhimmel, der aufgehende Mond. Man trifft sich an Bord wie eine etwas vergrößerte Familie. Und dabei darf es dann in der Runde an Deck und bei angeregten Gesprächen auch gerne mal ein Ouzo sein (oder zwei?).

 

Ein Tag an Bord der Running on Waves geht zu Ende. Einer von sieben zwischen den Inseln der Kykladen.

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