Die Hunde Andalusiens

Es war ein typischer Morgen im November an der südlichen Mittelmeerküste Spaniens. Noch war es warm, nicht heiß – noch strahlte die Sonne und brannte nicht.

 

An einer Tankstelle längs der „autopista“, die von Murcia im Norden Andalusiens nach Almeria im Süden führt, kramt Uschi Cassens nach Geld, um es ihrem Mann Friedrich für das Benzin zu geben. Ein Lieferwagen fährt vor und stoppt. Die Beifahrertür geht auf, und auf den heißen Asphalt fällt ein kleiner, abgemagerter, schwarz-weißer Hund mit großen runden Knopfaugen und tapsigen Pfoten. der Welpe wirkt erschrocken aber nicht verängstigt, unsicher, aber neugierig auf die hagere, ältere Frau, die sich sofort zu ihm niederkniet. Der Kleine ahnte in seiner Verlassenheit nicht, welches Glück er hat und was im erspart blieb.

 

Hund im ländlichen Andalusien – das sind bestenfalls Nutztiere, zumeist aber Schädlinge, die die Straßen bevölkern und die Menschen belästigen. Nur wenige betrachten sie als einen Freund und Begleiter, nur ganz wenige behandeln sie so. Wenn sie Glück haben, entledigt man sich ihrer. Immer wieder aber werden sie zu Tode gequält. Uschi Cassens hat sie gesehen, die Kadaver der schlanken Galgos, die von Maden und Fliegen besetzt an einem Baum hingen. Wer den Jägern ohne Jagdschein in Andalusien genutzt hat, erfuhr die Gnade, an einen hohen Ast gehängt zu werden. Die weniger nützlichen hatten, die Schlinge um den Hals, mit den Hinterläufen noch Bodenkontakt und tippelten sich so in den Tod. „Klavier spielen“ nennt man das zynisch. Das ist zwar die Ausnahme, ein Exzess, aber einer von nennenswerter Häufigkeit.

 

Uschi Cassens, die mädchenhafte alte Dame mit dem großen Herzen aus Augustfehn im norddeutschen Ammerland, hat dieser Anblick niemals losgelassen. Sie war nicht ganz allein, als sie sich in der Mitte der 90er Jahre in Almeria nach einem Arreal umsah, auf dem sie ein Tierheim errichten könnte. Gut erinnert sie sich an die verständnislose Bürgermeisterin, die klarstellte: „Wenn Sie ein Grundstück haben wollen, müssen Sie mich erst mal wählen!“ Sie fand schließlich ein Grundstück in der Nähe von Los Gallardos auf dem freien Feld. So entstand das „Paws Charity Animal Shelter“. Bald fand sich die niederländische Tierschutzorganisation „Peoples Animal Welfare Society“ mit Sitz in Budel und half mit Spendengeldern und Logistik, um aufgegriffene Hunde in gute Hände nach Holland oder Deutschland zu bringen.

 

Und damit machen es sich die Leute von „Paws“ – zu Deutsch „Pfoten“ – nicht leicht. Seit einigen Jahren führt das Tierheim das zupackende Ehepaar Margret und Bernd Schmidt. Sie sorgen dafür, dass jeder „Neuzugang“ einen „Laufzettel“ erhält. So auch Paul, wie Uschi Cassens unseren kleinen Mischling getauft hat. Noch ist er tief unglücklich, weil seine ehemaligen Herren ihn weggeworfen haben wie eine leere Cola-Dose.

 

Lucienne Müller, Tierpsychologin aus Tarmstedt bei Hamburg, beschreibt den Seelenzustand eines jungen Hunden in dieser Situation: „Durch diesen Vertrauensbruch erleidet der Hund Spätfolgen verschiedener Art: Er könnte sich zum Angstbeißer entwickeln oder aber auch zu einem devoten, ängstlichen Hund, der sich innerhalb der Rangordnung nie nach oben kämpfen würde, da die Angst ihn blockiert. Er kann nicht mit Auseinandersetzungen umgehen, auch mit anderen Hunden nicht. Andere psychische Auffälligkeiten und Neurosen können sich ereignen oder kombiniert auftreten, wie z.B. nervöses Urinieren, Trennungsängste, Aggressionen und ähnliches. In jedem Fall ist eine mitunter jahrelange Therapie unabdingbar, um diese „Verhaltensweisen“ in den Griff zu bekommen. Diese Tiere müssen geduldige Besitzer finden, optimal wären Menschen mit Hundeerfahrung. Diese müssen sich bewusst sein, dass sie ein „schwieriges“ Tier haben und möglicherweise behalten werden.“

 

Paul war nicht schwierig. Mit einer Mischung aus Neugierde und Hingabe ließ er ein Procedere über sich ergehen, dass wichtig ist für die Gesundheit der Tiere und das Ansehen des Tierheims auf dem Feld vor Los Gallardos. Mehr also hundert Hunde tummeln sich dort im Normalbetrieb. Fast alle sind vergnügt, jedes Tier erhält die notwendige Pflege. „Wir sind ein fröhliches Tierheim“, betont Margret Schmidt. Und wer sich die absolut sauberen Gehege und den Freiraum anschaut, den die Hunde hier haben, kann das nur bestätigen. Dennoch: An der zweiwöchigen Quarantäne kommt kein Tier vorbei. Zu gefährlich sind die sogenannten Mittelmeerkrankheiten, die unter keinen Umständen unbehandelt bleiben dürfen. Die Leishmaniose, die Ehrlichiose, die Babesiose und die Dirofilariose, das sind durch Zecken und Insekten übertragene Infektionskrankheiten, die unbehandelt zu dauerhaften Schädigungen und sogar zum Tod führen können.

 

Ellen Sorby, 33jährige Tierärztin aus Brüssel, arbeitet täglich viele Stunden für wenig Geld im eigens eingerichteten Behandlungs- und Operationsraum im „Paws Shelter“. Ihre Aufgaben erschöpfen sich nicht mit dem Impfen der Tiere. Nicht selten ist sie mit ihrer Kunst am Ende, haben die Besitzer ganze Arbeit geleistet. Dann hilft nur noch die finale Spritze. In den meisten Fällen aber verlassen die Hunde das „Paws“-Tierheim gesund und immer kastriert oder sterilisiert – die einzige Chance, der Flut von herrenlosen Hunden in Andalusien Herr zu werden. Das bestätigt auch Dr. Inka Labsch, die eine Tierpraxis in der Nähe unterhält. Sie ist mitunter fassungslos angesichts der Fälle, die sie erlebt, angesichts eines - wie die mit einem Spanier verheiratete Frau ohne zu zögern formuliert – „pathologischen Mangels an Empathie“.

 

Einmal im Monat taucht Rita Rebel in Los Gallardos auf. Sie ist die Leiterin des holländischen Tierheims von der „Peoples Animal Welfare Society“ mit Sitz in Budel. Das ist gewissermaßen ein „Auffanglager“. Damit entlastet sie das „Paws“-Heim in Andalusien, weil sie auch Hunde aufnimmt, für die sie noch keine Interessenten hat. Mit Bleistift und Notizblock inspiziert sie jeden Neuzugang und weiß die Geschichte jedes Hundes, der schon länger im „Paws“ ist.

 

Mit ihrer Arbeit macht sie sich im Norden Europas nicht nur Freunde. Die dortigen Tierschutzvereine loben zwar das Engagement für die Tiere im Süden, sehen aber auch die Konkurrenz, die es ihnen nicht leichter macht, ein Heim für die „eigenen“ Hunde zu finden.

 

Auch für Paul gab es noch keinen Interessenten. Doch Uschi Cassens, die inzwischen das halbe Jahr in Andalusien verbringt und auf dem Grundstück ihres kleinen Häuschens dort einen eigenen, kleinen Zwinger hat, beschloss, Paul zunächst bei sich aufzunehmen. Also kam er im Frühsommer 2010 mit bei einer der Transportfahrten, die Bernd Schmidt in regelmäßigen Abständen auf sich nimmt.

 

Es ist eine Ochsentour. Mit bis zu 30 Hunden im Lieferwagen und auf einem geschlossenen Hänger, alle ausgestattet mit Impfpass und den offiziellen Ausfuhrpapieren, macht er sich auf den 2500 Kilometer langen Weg über Holland nach Norddeutschland. Dann war es an Uschi Cassen, sich um einen guten Halter für Paul zu bemühen. Sie ist laut „Tierschutz-Statuten“ verpflichtet, das Haus der potentiellen Halter zu besuchen und mit ihnen einen Vertrag zu machen, der einen Weiterverkauf verbietet und mit dem ein angesichts des entstandenen Pflegeaufwands lächerlichen Schutzbetrag zu erheben.

 

Während diese Zeilen geschrieben werden, räkelt sich Paul auf dem Sofa gemeinsam mit der Katze Renate. Er hat seine unruhige Kindheit längst vergessen und weiß nicht, welches Glück er gehabt hat an jener Tankstelle an der Autobahn zwischen Murcia und Almeria.

 

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Kommentare: 10
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