Mit den Augen Afrikas

Im Mai 2014 war ich drei Wochen lang in einem der ärmsten Länder der Welt: Sierra Leone. Das war unmittelbar vor dem Ausbruch der Ebola-Epidemie. Jetzt, da die Seuche so langsam überstanden zu sein scheint, dürften meine Eindrücke wieder mit dem status quo übereinstimmen. Das Krankenhaus, von dem ich zunächst berichten will, hat nach monatelanger Schließung seine Arbeit wieder aufgenommen.

 

Im Mai 2014 war ich drei Wochen lang in einem der ärmsten Länder der Welt: Sierra Leone. Das war unmittelbar vor dem Ausbruch der Ebola-Epidemie. Jetzt, da die Seuche so langsam überstanden zu sein scheint, dürften meine Eindrücke wieder mit dem status quo übereinstimmen. Das Krankenhaus, von dem ich zunächst berichten will, hat nach monatelanger Schließung seine Arbeit wieder aufgenommen.

 

Etwa 50 Kilometer weiter rostet der völlig zerlegte Kadaver eines Pick-ups im Straßengraben. Es gab Tote bei diesem Unfall. Wer hier bei Kollisionen schwer verletzt wird, stirbt. Ein Rettungssystem gibt es nicht. Sterben kann unter Umständen auch, wer kein Geld hat. Behandlungen in den öffentlichen Krankenhäusern erfolgt nur und kompromisslos gegen Vorkasse.

 

In Bo angekommen – fünf Stunden für 260 Kilometer – dämmert es. Das geschäftige Geschäftsleben spielt sich auf der Straße ab. Permanent dröhnt Musik aus irgendeinem batteriebetriebenem Gettoblaster. Wer einen funktionierenden Generator hat, hat auch Licht. Der sogenannte Government-Strom fließt erst ab 7 Uhr abends. Nirgends gibt es länger als fünf Stunden Elektrizität am Tag.

 

Das Ziel ist Gilas-Hospital, eine Klinik die von der Oldenburger Hilfsorganisation „Hilfe direkt“ und einer Initiative der fünf Oldenburger Kliniken ermöglicht wurde. Seit 2011 arbeiten hier in stetem Wechsel ehrenamtlich deutsche Ärzte und mit großer Konstanz ein Team einheimischer Pfleger und Krankenschwestern, um Menschen zu helfen, die oft auch kein Geld in der Tasche haben. Da gibt es viel zu tun. Wie im gesamten, rohstoffreichen, bettelarmen Sierra Leone.

 

„Es ist uns gelungen, das Hospital als eine ‚deutsche Klinik‘ zu etablieren“, stellt Klinikdirektor Musa Bainda nicht ohne Stolz fest. Dabei ist er sich durchaus im Klaren, dass auch ein Fluch in diesem Segen steckt. Denn zwar genießt das „Gila‘s Children- and Community-Hospital“ – benannt nach der unermüdlichen Mutter des Oldenburger Vereins „Hilfe-direkt“ – in der zweitgrößten Stadt Sierra Leones drei Jahre nach seiner Eröffnung am 14. November 2011 einen hervorragenden Ruf im Land. Doch diesen Standard zu halten ist auch die große Herausforderung für das gesamte Team.

 

Es gilt, möglichst durchgehend einen deutschen Arzt im Hause zu haben. Nicht leicht, arbeiten sie doch nur gegen Kost und Logis, also im Grunde ehrenamtlich. „Lassen Sie es mich ganz deutlich sagen: Die deutschen Ärzte sind mit Blick auf ihre Qualifikation und ihre Einsatzbereitschaft die besten in der Welt. Unser Respekt ist enorm. Ähnliche Leistungen sind von einheimischen Ärzten nicht zu erwarten. Die wollen nur über Nacht reich werden.“ Und also kämpft im fernen Oldenburg Gisela Bednarek Tag für Tag um Unterstützung und Mediziner, die bereit sind, nach Bo zu gehen.

 

Die Verhältnisse, die sie in Bo vorfinden, muss man mit den Augen Afrikas sehen. Und dann sind sie außergewöhnlich. Das Haus ist sauber, die zwei Gemeinschaftsschlafräume großzügig. Behandelt wird in zwei Ärztezimmern, ein kleiner OP-Raum steht bereit. Stets gut abgeschirmt ist der Raum mit Medikamenten, der ausschließlich mit Spenden bestückt wird. 30 Mitarbeiter stehen auf der Gehaltsliste, darunter 13 ausgebildete Schwestern, ein Pharmazeut, Haustechniker und Köchinnen. Eine funktionierende kleine Klinik. Das alles finanziert sich aus Spenden, die der Verein „Hilfe-direkt“ sammelt oder aus den auch schon mal bezahlten Rechnungen der Patienten. Im Schnitt werden 30 Patienten am Tag behandelt.

 

Mit deutschen Augen sieht man vieles anders. Der Strom wird von Generatoren erzeugt, das Wasser liefern Regengüsse oder in Trockenzeiten ein Wassertank, dessen Füllung teuer ist. Internet funktioniert nur über Handys, ein Festnetz-Telefon ist im gesamten Land unbekannt. Das Rettungsfahrzeug hat einen Achsschaden und wird erst in Monaten wieder fahrbereit sein. Aber es wäre falsch, „Gila’s Hospital“ mit deutschen Augen zu betrachten. Es steht in einem der ärmsten Länder der Welt.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0