Nur wenige Ruderschläge in eine andere Welt

Die hellorange Sonne verspricht einen herrlichen Tag. Hinter dem Morgennebel spiegelt sie sich schimmernd im milchigen Wasser der Schweiburg, eines Nebenarms der Weser. Aus den Schwaden taucht ein Ruderboot auf, darin ein Mann mit einer Biberfellmütze. Lederstrumpf?

 

Volker Lautenbach ist Naturschutzwart auf der Strohauser Plate, einer Flussinsel in der Weser hoch im Norden der Wesermarsch. Sechs Kilometer ist sie lang von Norden nach Süden und etwas mehr als einen Kilometer breit. Sie entstand im 16. Und 17. Jahrhundert aus drei Sandbänken, die im Rahmen der Weserkorrektion durch den Wasserbauingenieur Ludwig Franzius zum Ende des 19. Jahrhunderts durch großflächige Aufspülungen am linken Ufer des heutigen Hauptfahrwassers der Weser miteinander verbunden wurden.

 

Volker Lautenbach ist Naturschutzwart auf der Strohauser Plate, einer Flussinsel in der Weser hoch im Norden der Wesermarsch. Sechs Kilometer ist sie lang von Norden nach Süden und etwas mehr als einen Kilometer breit. Sie entstand im 16. Und 17. Jahrhundert aus drei Sandbänken, die im Rahmen der Weserkorrektion durch den Wasserbauingenieur Ludwig Franzius zum Ende des 19. Jahrhunderts durch großflächige Aufspülungen am linken Ufer des heutigen Hauptfahrwassers der Weser miteinander verbunden wurden.

 

Es sind nur wenige Ruderschläge vom Ufer vor Rodenkirchen bis zur Anlegestelle der Plate. Aber das ist der einzige Überweg in eine kleine Welt für sich. Und der ist so kurz vor der Mündung der Weser in die Nordsee von der Tiede abhängig und folglich nur an zwei kurzen Zeiträumen am Tag möglich.

 

Der Weg zum Haus des Naturschutzwartes führt über brüchige Betonplatten zwischen Dehnungsfugen. Schon im ersten Gespräch mit Volker Lautenbach wird der Konflikt zwischen den Ambitionen des Mellumrates, der die Strohauser Plate als Teil des Naturschutzgebietes „Strohauser Vorländer und Plate“ betreut und den Landwirten, die das Gelände extensiv nutzen, deutlich. Er bringt es mit wenigen Worte auf den Punkt. „Die Landwirte verkennen die Situation. Sie haben den Boden vom Land Niedersachsen gepachtet. Das alles hier steht unter Naturschutz. Naturschutzgebiete benötigen Fläche. Nur so lange es die Fläche gibt, haben die Landwirte Pachtland.“

 

Doch die Bauern graben sich buchstäblich das Wasser ab. Sie sind an trockenen Flächen interessiert, der Naturschutz an nassen Grünlandflächen als Wiesenvogel-Brutgebiet für Kiebitz, Uferschnepfe, Rotschenkel, Austernfischer und den europaweit gefährdeten Wachtelkönig. Voraussetzung für das Wiesenvogelvorkommen ist ein ganzjähriger bodennaher Wasserstand. Das garantiert einen stocherfähigen Boden. So kann der Vogelschnabel in den relativ weichen Boden eindringen und wichtige Nahrung ist erreichbar. Und also dokumentiert Volker Lautenbach jede kleine oder größere Sünde, mit der die pachtenden Landwirte Fakten zu schaffen versuchen.

 

In der Stube ist es warm – aber auch nur in der Stube, die von einem stets unter Feuer stehenden Ofen beheizt wird. Es ist kein Luxusleben, das sich Volker Lautenbach ausgesucht hat. De jure arbeitet er gegen eine Aufwendungsentschädigung, de facto ehrenamtlich. Der unausweichlichen Frage „Warum machst Du das?“ entgegnet er mit vielen Sätzen und wenigen Erklärungen. Wie soll man auch Idealismus und Liebe zur Natur erklären? Eine Liebe, die Ausdruck findet in bestechenden Naturfotos, die mehr als professionellen Anspruch haben. Doch als Profi würde er sich nie bezeichnen – das Wort „Beruf“ hat keinen Platz in seinem Wortschatz, wohl aber „Berufung“.

 

Es folgt ein langer, holpriger Gang quer über das idyllisch karge Eiland. Ohne Luft zu holen erzählt er von seinen Aufgaben, von der aufwendigen Konstruktion eines Aussichtsstandes und von all‘ den Restriktionen, denen seine Arbeit im speziellen und die des Naturschutzes im allgemeinen unterliegt.

 

Und immer wieder greift er zum Fernrohr. In den Wintermonaten ist die Strohauser Plate Rastgebiet für Zugvögel. Vor allem die Krickente überwintert hier. Seit kurzem wird die Insel zunehmend von arktischen Gänsen besucht. So zählt er an einem Wintertag nicht selten rund 10.000 Grau- und Blässgänse.

 

Die ruhigen Wintermonate werden bald vorbei sein. Im Sommer wird er rund ein Dutzend Gruppen über die Flussinsel führen. Auf dem Rückweg zum Bootssteg stellt er sich der zweiten unausweichlichen Frage: „Wie lange machst Du das noch?“ Er zuckt nur mit den Achseln und weiß wohl, dass er das noch lange machen wird. Wenn nicht hier auf der Strohauser Plate, dann anderswo. Lederstrumpf war auch nie lange an einem Ort.

 

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