Circumnavigation - Island von allen Seiten

Schon auf der zweiten Fahrt mit der Sea Spirit gelingt es dem Anbieter individueller Expeditions-Kreuzfahrten "Poseidon Expeditions", sein Konzept durch zu ziehen. "High-Class-Expeditions" mit dem Blick für's Detail. Ich war bei der Umrundung - der "circumnavigation "- Islands Anfang Juni 2015 dabe.

Wenn es am letzten Morgen - die Sea Spirit liegt schon im Hafen von Reykjavik - beim Frühstück viel ruhiger ist als an den Tagen zuvor, wenn Passagiere versonnen über die Reling zurück auf das offene Meer schauen, wenn sich dann eine Stunde später Männer und Frauen, die sich vor kurzem noch gar nicht kannten, zum Abschied umarmen und niemand in die Busse zum Flughafen einsteigen möchte - dann muss einiges gut gelaufen sein während der vergangenen anderthalb Wochen. Zehn Tage war man gemeinsam auf See, immer in Ufernähe einer ganz besonderen Insel - Island. Etwa 100 Gäste von "Poseidon Expeditions" hatten es sich auf der Sea Spirit gut gehen lassen, aber es sich nicht bequem gemacht. Keine Anlandung mit dem Zodiak hatten sie sich entgehen lassen, keinen Gang an und auf dem zum Teil unwegsamen Land gescheut. Eine Expeditions-Kreuzfahrt eben, aber mit hohem Wohlfühlfaktor.

 

Rückblende. Es ist Nachmittag am 2. Juni. Die Sonne scheint gleißend durch eine aufgebrochene Wolkendecke hindurch, als die Sea Spirit den Hafen von Reykjavik verlässt. Die isländische Fahne flattert stramm im frischen Wind, das Meer ist kabbelig. Ein Gegenpart zu den trutzigen, stoisch ruhenden Vulkanbergen an der Küste. Doch auch die sind mit Maßstäben der Erdzeit nicht wirklich alt. Es vermittelt sich eine Idee von den Dimensionen der Zeit. So, wie die Wellen des Meers nur einen Wimpernschlag in einem Menschenleben ausmachen, so ändert sich die Gestalt der Erdoberfläche hier in Zeiträumen, die gemessen an der Erdgeschichte binnen Augenblicken vergehen.

 

Doch keine Zeit für philosophische Gedanken! Über den Bordlautsprecher ist die ebenso freundliche wie in diesem Fall bestimmte Einladung zur obligaten Notfall-Übung zu vernehmen. Alle versammeln sich in der "Ozeanus Lounge" und schon wird offenbar, was Nikolay Savelyev, Präsident von "Poseidon Expeditions" meinte mit: "Wir legen hier viel Wert aufs Detail!" Die Einweisung durch Jan Bryde, Geschäftsführer der deutschen Poseidon GmbH mit Sitz in Hamburg, erfolgt in Englisch. Doch Poseidon bleibt auf elegante Weise seinem Prinzip treu, alle Fahrten zweisprachig anzubieten. In einem Holzkasten am Eingang kann sich jeder eine "quietbox", einen mobilen Kopfhörer samt Empfangsgerät, greifen. Jeder Satz von Jan Bryde wird zwar nicht unbedingt simultan aber doch gleichzeitig und sinnwahrend übersetzt und den Gästen via Funk ins Ohr gesprochen.

 

Die Übung machte deutlich, dass das Personal zur See seinen Kollegen in der Luft einiges voraus hat. Während das sattsam bekannte Stewardessen-Ballett in Fliegern wirklich niemanden mehr dazu bewegt, den Blick von der Illustrierten abzuwenden, hat das Security-Briefing an Bord eines Schiffs – hier der Sea Spirit – Event-Qualitäten. Hier ist vor allem die Rettungsübung hervorzuheben, die – obgleich ernsthaft durchgeführt – dennoch manchen Sturm der Erheiterung entfacht. Ob sich nun seriöse Männer in Rettungswesten verheddern oder der Namens-Check gleichzeitig zur Klärung von Spitznamen genutzt wird.

 

Wem es gelingt, sich rechtzeitig von der knall-orangen Schwimmweste zu befreien, ist nun reif für das Dinner. Und auch das hat jeden Abend Event-Qualitäten.

 

Drei Gänge mit jeweils drei bis vier Angeboten zur Wahl, auf der Menü-Karte natürlich in zwei Sprachen verfasst. Stets ist eine fleischfreie Variante dabei. Wer sich immer noch nicht sicher ist, nimmt die Demo-Arrangements mitten im Speisesaal in Augenschein. Es hat maximal zwei Tage gedauert, da wusste jede Servicekraft zielsicher, welcher Gast Wein, Bier oder Wasser trinkt, dass Albert morgens reichlich Kaffee braucht und dass John aus Kalifornien ein Schokoladeneis zum Nachtisch bevorzugt.

 

Solcherart unaufdringlich umsorgt und nach Wunsch gestärkt, geht es auf in einen Tag, der es stets wert ist, mit Spannung erwartet zu werden. Die Zodiaks - das sind jene plump wirkende aber ungemein zweckmäßigen Gummiboote, die aussehen, wie der prall aufgepumpte Schlauch eines Traktor-Reifens, mit dem jedes Kind irgendwann einmal im Pool geplanscht hat, warten bereits am Heck. Jeder fühlt sich im Wortsinne mitgenommen bei der Frage: "Möchtest Du auf ein Boot, in dem englisch gesprochen wird?" - Natürlich "Du". Auf einem Expeditions-Schiff wie der Sea Spirit gibt es nur Vornamen.

 

Anderntags ist "Trockenanlandung" angekündigt. Die Sea Spirit liegt am Pier. Die jedem zur Verfügung gestellten Gummistiefel können in der Kabine bleiben. Schon seit dem ersten Ausflug weiß jeder, in welchen Bus er einsteigen sollte - mit Blick auf die bevorzugte Sprache. Details.

 

Es gelingt dem Veranstalter, eine Ahnung vom Facetten-Reichtum Islands zu vermitteln. Die Gänge über die Inseln Vigur und Grimsey führte die Passagiere zu den Nistplätzen von Eider Enten. Stets in respektvollem Abstand richten die Island-Touristen ihre Objektive auf die Vögel, die ein wenig missmutig von ihren Nestern aus auf die Besucher schauen. Einige Hundert Meter weiter halten die Poseidon-Gäste Ausschau nach den fotogenen Papageientauchern, die englisch die griffige Bezeichnung "Puffins" haben. Kein Shopping, keine Bars - Natur pur und die Kreuzfahrer genießen es.

 

In Siglufjördur erwartete sie die Belegschaft des preisgekrönten "Herring Era Museum" und brachte ihnen erst mit einem Schauspiel die Herings-Verarbeitung in den 60er Jahren nahe und sie dann mit folkloristischer Musik auf die Tanzplanken. Eine besondere Form der Vergangenheitsbewältigung. Siglufjördur hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen explosionsartigen Aufstieg erlebt. Die scheinbar unerschöpflichen Heringsschwärme bescherten dem bis dato verträumten Dorf Zeiten, die an den Goldrausch in den Bergen Amerikas erinnern. Doch die Heringspopulation war eben nur scheinbar unerschöpflich. In den 60er Jahren war das Meer vor Siglufjördur leergefischt. Binnen zweier Jahre war der Spuk vorüber. Nun erinnert das "Herring Era Museum" an diese Zeit.

 

Mit dem Bus ging es zum Godafoss. In einer nur zwölf Meter hohen Kaskade donnern die Wassermassen in eine Schlucht, die am Rand eines Lavastroms entstand, der sich vor rund 8000 Jahren aus dem Schildvulkan Trölladyngja ergoss. Die Viktoria-Fälle gibt es auch auf Island.

 

Drei Tage später dann die Tagestour zur Lagune Jökulsárlón vor dem Vatnajökull, dem größten Gletscher Europas. Der See Jökulsárlón trägt seinen Namen , der zu Deutsch „Gletscherflusslagune“ heißt, mit Recht. Der Gletscher kalbt Eisberge in den 248 Meter tiefen See, die über viele Jahre dort auftauen und in ihrer Gesamtheit wie eine "Gletscherausstellung" anmuten.

 

Schließlich zeigen individuelle Spaziergänge wie der durch Seydisfjördur den Expeditionstouristen das Leben in den Ortschaften Islands, die selten mehr als 5000 Einwohner haben. Ganz Island hat 325.000 Bürger.

 

Diese Exkursionen sind Menü und Appetithappen zugleich. Am Ende des Tages ist man satt an Eindrücken und Bildern. Und doch machen die Rundfahrten Appetit auf das gesamte Land. Die Liste der Besonderheiten des Inselstaates ist lang. Die Bedeutung von Elfen und Trollen für das Leben der Isländer oder das Verhältnis zu ihrem Grund und Boden, der zwischen der eurasischen und amerikanischen Kontinentalplatte alljährlich um zwei Zentimeter auseinandergerissen wird. Ein Verhältnis, das mal bestimmt ist von Gelassenheit gegenüber Vulkan-Ausbrüchen, mal von traumatisierter Furcht vor ihnen, wie auf der Insel Heimaey, die 1973 von einem verheerenden Ausbruch heimgesucht wurde. Und schließlich ist da noch die Zucht der berühmten Island-Pferde - sag' niemals "Pony"! - oder die freie Haltung der Schafe, die nur im Herbst zusammengetrieben werden. Jedes Thema, jede Sehenswürdigkeit ist einzeln einen Besuch Islands wert.

 

Irgendwann äußerte ein Gast den Wunsch, etwas mehr Zeit für die Ruhe und Weite des Inlandes zu haben. Er wurde kommentarlos aber mit Verständnis aufgenommen. Zwei Tage später machte sein Bus auf dem Rückweg vom Gletscher Vatnajökull insgesamt fünf Mal Halt und bot so die Gelegenheit zur ausgiebigen Landschaftsfotografie. War nur zufällig genug Zeit dazu? Unwahrscheinlich. Die Spontaneität von "Poseidon Expeditions" lässt keinen Raum für Zufälle. Auch kurzfristige Planänderungen, bei einer Expeditions-Kreuzfahrt nicht unüblich und zugleich bereichernd, sind durchdacht.

 

Hierzu zwei Beispiele: Bereits am zweiten Reisetag kam zum späten Nachmittag von Stykkishólmur die isländische Folklore-Tanzgruppe "Sporid" an Bord. In der "Ozeanus Lounge" war jeder Platz besetzt, als die fröhliche Gruppe nicht nur ihre Tänze vorführte, sondern sie auch in ihre Bedeutung erklärt wurde. Die spontane Idee danach: Die Tanzgruppe wurde nach ihrem Auftritt nicht mit Dank verabschiedet, sondern zum Dinner eingeladen. Dass dazu genügend Stühle im Speisesaal an den Tischen standen und gecheckt wurde, ob die Küche genügend Portionen vorhält, darf vermutet werden. Doch die Tänzer verteilten sich wie selbstverständlich an den Tischen. Angeregte Gespräche allerorten ergaben sich spontan.

 

Zweites Beispiel: Geplant war ursprünglich nach einem Sightseeing von der Reling aus durch die Fjorde des Ostens die abendliche Weiterfahrt nach Djudivogur. Doch das goldgelbe Abendlicht nahe des Polarkreises lud nicht nur zum Verweilen ein, sondern auch zu einem Landgang über Lava und Moos, vorbei an kleinen Wasserfällen. Kurzerhand wurde der Anker geworfen und der Aufbruch nach Djudivogur um einige Stunden verschoben. Eine Stunde später waren die Zodiaks bereit, 100 Gäste in Form eines Shuttle-Dienstes an Land und zurück zur Sea-Spirit zu bringen. Durchgeplante Spontaneität. Keiner der Spaziergänger wird diese Stunden je vergessen.

 

Jan Bryde ist vom Konzept dieser "High-Class-Expedtions" überzeugt. "Die Kunden haben schon einen gewissen Anspruch auf Komfort in den Kabinen, beim Essen und Trinken. Aber sie wollen nicht zusammen mit 2000 Menschen auf Tour gehen. Hier genießen wir auch die Langsamkeit. Das muss man sich mal klar machen: Wir umrunden Island in nicht mehr als Fahrrad-Geschwindigkeit." Dass sich Poseidon da in einer Nische befindet, ist ihm klar. Zumal man sich auf die arktischen bzw. antarktischen Regionen kapriziert hat. Doch Bryde hat keine Sorge, dass seinem Unternehmen die Destinationen ausgehen. "Wir haben den großen Vorteil, nicht nur die kleinen Häfen, auch die kleinsten Buchten anfahren zu können. Wir haben die Zodiaks! Wo andere abdrehen, fangen wir erst an."

 

Auch die Beziehung zur Sea Spirit steht noch am Anfang. Die Island-Umrundung ist die zweite Poseidon-Tour mit dem 96-Meter-Schiff, in dem sich etwa 70 Crew-Mitglieder um die maximal 116 Gäste bemühen. Erst im Mai hat der Expeditions-Veranstalter das Schiff per Langzeit-Charter in Hamburg übernommen. ("an Bord" berichtete.)

 

Jan Bryde ist schon wieder auf dem Sprung. Er muss eine Lektorin ankündigen, die heute an Bord ging. Und so schiebt er noch hinterher: "Wir wollen auch inhaltlich etwas mehr in die Tiefe gehen. Gute Vorträge gehören dazu." Und damit meint er gewiss auch Felicity Aston. Sie war 2012 die erste Frau, die auf Ski die Antarktis überquerte. 1744 Kilometer auf ewigem Eis hat sie in 59 Tagen heruntergerissen. Außerdem ist die Polar-Wissenschaftlerin, Meteorologin und Buchautorin in Reykjavik mit einem Isländer verheiratet. Ihre beiden Vorträge waren bestens besucht. Qualität im Detail.

 

Auch die Musik gibt es bei Poseidon nicht vom Band. Jeden Abend spielt Johnny Benca am Klavier, singt dazu oder greift zur Gitarre und zum Saxofon. Damit nicht genug. Zu vorgerückter Stunde greift auch Jan Bryde schon mal zum Mikrophon. Dann schallt "What A Wonderful World" durch die Decks. Gute Laune in Musik gegossen und gekonnt präsentiert.

 

Da passt es ins Bild, dass Poseidon die Reise mit einem Star abschließt - auch wenn die junge Frau vielleicht nicht weltweit bekannt ist - Yulia Parshuta hat immerhin in diesem Jahr den russischen Contest gewonnen, der dem hierzulande bekannten DSDS gleicht. Nun kommt die schöne Blonde dem allgemeinen Wunsch gerne nach, in der "Club Lounge" ein kleines Konzert zu geben. Keine Frage für Kapitän Andrey Rudenko, die Sea Spirit zu stoppen und so in den Wind zu drehen, dass sie nicht allzu sehr schaukelt. Es ist der letzte Abend der Reise. Noch einmal so richtig abtanzen! Legere Lebensfreude in luxuriösem Ambiente vor der rustikalen Kulisse eines schneebedeckten Vulkangebirges.

 

Am Morgen danach stehen die Koffer auf dem Pier, die Busse zum Flughafen und zu den Hotels bereit und Nikolay Savelyev, Jan Bryde sowie alle Guides an der Gangway. Und jeder Gast bekommt zum Abschied einen UMTS-Stick in Form der Sea Spirit in die Hand gedrückt. Darauf Informationen zur Reise und die Präsentation der Reisefotos des Schiffsfotografen Anthony Smith. Noch so ein Detail.

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Kommentare: 1
  • #1

    Vincenzo Pellegrino (Sonntag, 05 Februar 2017 20:09)


    Fine way of explaining, and nice paragraph to obtain data on the topic of my presentation subject matter, which i am going to present in university.