„Noch einmal im Regen stehen“

Claudia hatte es nicht leicht an jenem Abend. Sie hatte den Auftrag, die Bewohner des Hauses über jedes deutsche Tor im WM-Länderspiel gegen Australien auf dem Laufenden zu halten. Zur Verfügung gestellt wurde ihr dafür solch eine unsägliche Trompete – eine Vuvuzela. So konnte es wirklich niemand überhören. Claudias Problem Nummer eins: Das Haus hat vier Stockwerke. Ihr Problem Nummer zwei: Deutschland gewann 4:0. Lachend aber mit hochrotem Kopf sehnte sie schließlich den Abpfiff herbei.

So geschehen nicht in einer Bürogemeinschaft und auch nicht in einer Jugendherberge. Wer hier von Schwester Claudia auf diese unkonventionelle Weise informiert wurde, war zu schwach, um beim Fußballgucken im Gemeinschaftsraum des Hospizes zum heiligen Franziskus in Recklinghausen dabei zu sein. Dem Sterben zu nah. Aber den Spielstand verpassen? – Leben bis zuletzt!

 

Zwölf Menschen leben hier. Heike Lenze, Leiterin des Pflegedienstes wird nicht müde zu betonen: sie leben (!) hier. Natürlich ist das die Sicht auf das halbvolle, nicht das halbleere Glas. Denn letztlich sterben die Menschen in ihrem Haus. Doch die Arbeit im Hospiz lenkt im Angesicht des Todes den Blick auf das Leben. Angst vor dem Abstumpfen, vor einer Gleichgültigkeit gegenüber dem Sterben hat Heike Lenze nie gehabt. „Ich bin sensibler geworden – ja. Aber ich lebe bewusster und genieße den Augenblick mehr denn je.“

 

Waltraud Wedekind ist eine der zwölf Bewohner, die von niemandem als Patienten bezeichnet werden. Seit drei Wochen hält sie das Team des Hospizes auf Trapp. „Ich habe oft nachts Hunger!“ gesteht sie mit einem verschmitzten Lächeln, das auch hinter der der konstanten Sauerstoffzuführung an ihrer Nase an schelmischer Strahlkraft nicht verliert. Sie sitzt in ihrem mit Zeitschriften und Fotos zugemüllten Zimmer am offenen Fenster – so zieht wenigstens der Rauch ihrer Zigarette ab.Sie ist froh, hier zu sein – auch wenn sie nicht den Eindruck macht, also ob ihr die Endgültigkeit ihres Aufenthalts bewusst ist.Und wenn, würde sie es nicht zeigen. Das Leben hat sie Disziplin gelehrt. Sie hat geputzt. „Besonders gelohnt haben sich die U-Bahnhöfe. Da gab’s richtig Kohle für.“ Sie ist 72 Jahre alt, hat zwei Töchter, acht Enkel und vier Urenkel.

 

Im Franziskus-Hospiz einen Platz zu bekommen, ist reine Glückssache. Daran kann auch die erfahrene Verwaltungsfachkraft im Hause, Jutta Keller, nichts ändern. „Wir halten die Zahl unserer Bewohner bewusst klein. Wir wollen keinen Altenheim-Charakter erzeugen.“ Und folglich ist die Liste der Aufnahmeanträge klein. „Planen können wir nicht. Wird ein Platz frei, wird nach Dringlichkeit entschieden – also, ob sie oder er zu Hause alleine ist oder ob das Krankenhaus auf eine baldige Entlassung drängt.“ Und dann fügt sie mit einem Humor hinzu, der fatalistische Züge hat: „Oft sind die Menschen, die wir gerne aufnehmen würden, schon gestorben, wenn ein Zimmer frei wird.“

 

Am Geld liegt es nicht. „Viele glauben, sie könnten einen Platz bei uns nicht bezahlen.“ Doch der ist für die Betroffenen kostenfrei. Nicht so für das Hospiz. „Wir haben einen Satz von 236,56 pro Person und Tag. Diese Kosten werden von den Kassen und der Pflegeversicherung bis auf zehn Prozent gedeckt. Den Rest muss das Haus durch Spenden aufbringen. Bis jetzt hat das geklappt. In den 24 Jahren seiner Existenz hat das Hospiz in Recklinghausen Spenden in Höhe von 8,5 Millionen Euro erhalten. Firmen stiften bei Jubiläen, andere bei runden Geburtstagen, und schließlich wird bei Beerdigungen oft auf Kränze verzichtet und um Spenden gebeten. „Ich darf eigentlich nicht um Spenden bitten!“, räumt Jutta Keller ein und legt unbeholfen dezent eine Karte auf den Tisch:

 

Sparkasse Vest-Recklinghausen, BLZ 42650150, Kto.-Nr. 10301 992.

 

 

 

 

Das Franziskus-Hospiz in Reckling-hausen ist das älteste seiner Art in Deutschland. Das bringt Gelassenheit in die Arbeit – keine Routine. Doch die Organisation steht. Hier die Pflegedienstleitung unter Heike Lenze, da die Verwaltung unter Jutta Keller. Heike Lenze leitet ein Team von 13 in Vollzeit angestellten Kräften. Sie alle sind sowohl ausgebildet in der Krankenpflege wie in der Altenpflege. In drei Schichten sind sie für die Menschen im Haus da. Pflege und Betreuung rund um die Uhr.

 

Um die Belastung zu schultern treffen sich die ebenso weiblichen wie männlichen Mitarbeiter einmal im Monat zur Supervision. Außerhalb des Hauses und ohne die Leiterin. Und sie finden sich alle regelmäßig zu einem Abschiedsritual im Andachtsraum des Hauses zusammen. Dort werden auf einer Tafel die Namen der kürzlich verstorbenen eingetragen. Gemeinsam erinnern sie sich kurz, erzählen etwas von dem Bewohner, lächeln dabei zumeist, aber nicht immer.

 

Der Pfleger Martin erzählt von einem Bewohner, der tags zuvor gestorben war. „Ich bin froh, vergangene Woche noch einmal mit ihm draußen gewesen zu sein.“, berichtet er mit fester Stimme. „Er wollte so gerne noch einmal im Regen stehen.“

 

Dann ertönt ein Gong, und das Leben geht weiter.

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