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Teil 1

Wie erklärt man einem West-Europäer, dass man gerne nach Sierra Leone reist? Das ist in der Tat nicht ganz einfach. Denn Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es gibt keine landschaftlichen Sensationen, keine Elefanten, Löwen und Giraffen. Die Infra-Struktur ist nichts anderes als eine Katastrophe. Nur wenige Straßen, die man hierzulande als befahrbar bezeichnen würde, vielerorts keinen und andernorts nur an wenigen Stunden des Tages Strom. Man kann dort nicht durch Geschäftsstraßen flanieren und shoppen. Auch Restaurants, wie man sie in Deutschland oder gar in Frankreich gewohnt ist, sind nur schwer zu finden. Es ist entweder brütend heiß, oder in den Monaten der Regenzeit im Juni und Juli versinkt alles im Morast.

 

Und dennoch: Ich liebe dieses kleine, unscheinbare, von der Welt vergessene Land. Vielleicht gerade deswegen. Es hat viel Pech gehabt in seinem kurzen Leben. 1961 aus dem Britischen Protektorat in die Unabhängigkeit entlassen, erlebte es von 1991 bis 2002 einen Bürgerkrieg, der dessen Grausamkeit kaum zu beschreiben ist und von dessen Folgen sich das Land und die Menschen bis heute noch nicht erholt haben. Vor fünf Jahren dann die Ebola-Epidemie, die jedes zarte Pflänzchen der Konjunktur im Keim erstickte. Gott spielt mit Sierra Leone.

 

Und dort landeten Annelie-Sofia Räcker, Uta Konstantinovic und ich am Abend des 28. Juni in Freetown, der Hauptstadt von Salone, wie man den Landesnamen mitunter abkürzt. Jembeh holte uns ab, der Leiter der NGO Mindokatie Salone (= Wir bringen Sierra Leone vorwärts), Yembeh Mansaray, nach geduldigem Warten ab. Diese und die NGO SEN (Society for empowering the needy) wurden zwar von Ketaaketi initiiert aber wohlgemerkt: nicht gegründet. Es handelt sich hier um unabhängige Organisationen. Aber auf das System und die Denkweise von Ketaaketi komme ich später noch zurück.

 

Es war bereits dunkel in Salone, als wir uns nach Port Locco aufmachten. Und das heißt: so richtig dunkel! Hier gibt es keine Straßenbeleuchtung und schon gar keine Reklameschilder. Die Straße ist nicht markiert, und überall lauern Schlaglöcher. Wagen oder Handkarren können auf der Fahrbahn stehen, Menschen gehen ihres Weges. Des Nachts Auto fahren ist anstrengend. Insbesondere, wenn man von den nicht allzu zahlreichen betonierte Fahrbahnen abfahren muss. Die lehmigen Buckelkisten sind nur im Schritttempo zu passieren.

 

Unsere erste Unterkunft war eine der besten in Port Locco. In Deutschland bekäme sie jedoch gewiss keinen Stern. Aber wir hatten ein großes, wenn auch etwas durchgelegenes Bett und dazu ein Bad. Alles da: Toilette, Waschbecken, Dusche. Spätestens wenn der Blick auf die Plastiktonne fällt, die bis oben hin mit Wasser gefüllt ist, in dem eine große Schöpfkelle schwimmt, ist klar. Fließendes Wasser gibt es hier nicht. Und mit der einen oder anderen Kakerlake auf dem Boden muss man auch leben und schlafen können.

 

Am Morgen darauf gab es in einem überdachten Restaurant ein prima Frühstück. Das ist in Salone recht unterschiedlich. Das Brot ist mal ein knuspriges Baguette, mal ein süßes Weißbrot. Aber immer gibt es dazu etwas Herzhaftes - meist ein Rührei mit viel Zwiebeln und Speck. Dazu eine Thermoskanne mit heißem Wasser. Daneben liegen die Tütchen mit löslichem Kaffee und die Teebeutel. Aufgebrühten Bohnenkaffee habe ich in Sierra Leone (ich war vor fünf Jahren ja schon mal drei Wochen dort) noch nie gesehen. Völlig wurscht! Wen sowas stört, der sollte nicht in dieses Land reisen.

 

Solcherart gestärkt ging es in dem Wagen, den Yembeh organisiert hatte auf nach Pepel, einen bekannten Fischerort in der Nähe von Freetown. Dort wartete schon das erste Abenteuer auf uns in Form von Ruderbooten, die etwa zehn Meter vor dem Watt im Wasser lagen. Die zu erreichen, wäre trockenen Fußes nicht möglich gewesen. Und also trugen uns zwei starke junge Männer bis zum Boot durchs Wasser. In meinem Fall kamen auch die starken jungen Männer ganz schön ist pusten.

 

So Kinder - und jetzt wird’s ernst. Was uns auf Tasso Island erwartete, war Verzweiflung, Armut und Ohnmacht in seiner reinsten Form. Und das hatte einen konkreten Grund. Vor vielen Jahren schon hatte die auch nach dem Bürgerkrieg noch ordentlich korrupte Regierung des an Bodenschätzen übrigens reichen Landes eine Eisenerzmine an ein europäisches Konsortium verkauft. Vermutlich zu einem Spottpreis. Man darf sicher sein, dass von dem Geld kein Cent in der Staatskasse angekommen ist. Als die Preise ins Trudeln gerieten, verramschten die Europäer die Mine ihrerseits an die chinesische Firma Tonkolili. Die betrieben die Mine noch ein paar Jahre, bevor sie die Produktion einstellten. So weit, so nicht gut.

 

Viel schlimmer aber kam es für die Fischer von Tasso Island. Für den Abtransport der Erze haben beide Eigner nämlich eifrig den Hafen ausgebaggert, auf dass die entsprechenden Frachtschiffe die Bodenschätze aufnehmen und abtransportieren konnten. Das wiederum führte dazu, dass die Fischgründe vor Tasso Island verschwanden und mit ihnen die Lebensgrundlage der Menschen auf der Insel. Das Ende von dem traurigen Lied: Die Mine ist verkauft, die Menschen haben sie nicht. Die Erze sind verschifft, die Menschen haben den Erlös nicht. Die Mine ist stillgelegt, die Arbeiter haben ihre Arbeit nicht. Die Fische sind fort, die Fischer haben sie nicht. Gott spielt mit Sierra Leone.

 

Und dennoch: Gänsehaut beim Empfang! Ich konnte die Zahl der Kinder, die uns im Chor singend in einer langen Reihe empfingen, nicht zählen. Es waren vermutlich hunderte, die uns am Strand abholten und in das halb verfallene Dorf führten. Das muss man gesehen haben. Ein Film von der Reise wird in einigen Wochen veröffentlicht.

 

Die Gespräche auf dem Dorfplatz im Schatten eines prächtigen Baumes waren dennoch nicht ganz einfach. Wie auch? Das Leben der Menschen auf Tasso Island ist nicht einfach. Was bei einer solchen Versammlung, wie ich sie in den folgenden Tagen noch öfter verfolgen sollte, besprochen wird, das erzähle ich Euch im nächsten Teil des Tagebuchs. 


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Kommentare: 3
  • #1

    Susanne (Montag, 11 März 2019 15:49)

    Das sind ganz beeindruckende Bilder und Schilderungen!

  • #2

    Uta (Samstag, 16 März 2019 19:12)

    Ganz genauso war es... Es ist schön beim Lesen alles noch einmal zu erleben �
    Danke Albert!

  • #3

    Friedericke (Mittwoch, 20 März 2019 00:54)

    Durch diese persönlichen Texte und Bilder kommt mir das Land und seine Menschen näher. Ich bin gespannt auf Eure Berichte und auf die Entwicklung der Projekte. Danke!