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Teil 2

 

Unter Gesang, Musik und Trommelwirbel lassen sich Uta, Anneli, Yembeh, Usman und die Würdenträger von Tasso, dem Hauptort von Tasso Island, auf ihren Plätzen nieder. Noch dauert es einen Moment, bis die Musik und die Tänze auf dem Freiraum vor der Sitzreihe zur Ruhe kommen. Das gesamte Dorf hat sich inzwischen im Halbkreis auf Sitzbänken niedergelassen. Dann ergreift ein Moderator das Wort. Und nun beginnt eine Zeremonie, die ich nach dem dritten Besuch hätte mitsingen können. Gebet - wohlgemerkt: sowohl ein muslimisches wie das Vater Unser - eine Vorstellung der Gäste und Grußworte von jedem der Rang und Namen hat.

 

Spannend wird es erst, wenn der Tagesordnungspunkt „Fragen der Dorfbewohner“ aufgerufen wird. Dann nämlich zeigt sich, wie die Stimmung in der Gemeinschaft ist und ob das System „Ketaaketi“ verstanden wurde. Zunächst zur „Wetterlage“. Die nämlich ist durchaus nicht immer „eitel Sonnenschein“. Das liegt zum einen an der Situation des Dorfes insgesamt und an den Erfahrungen, die man jeweils mit weißen Wohltätern gemacht hat. Wir hatten schon allein deswegen einen Bonus, weil Ketaaketi und namentlich Anneli das Land bereits zum zweiten Mal besuchte. Das ist nicht selbstverständlich. Manch eine Hilfsorganisation kommt einmal und dann nie wieder.

 

Entwicklungshilfe aber war gestern! Ketaaketi ist Sozialarbeit 2.0 - nämlich global betrachtet. Erklärtes Ziel der von der UNESCO mit dem Nachhaltigkeitspreis für Bildung geehrten Initiative ist es, ein weltweites Partnerschaftsnetzwerk zu bilden. Die seit zwölf Jahren erfolgreiche Organisation, die von Anneli-Sofia Räcker ins Leben gerufen und vor allem konzipiert wurde und geleitet wird, arbeitet auf Basis der Überzeugung, dass Armut nicht gleich Unfähigkeit ist. Räcker ist nicht die wohltätige Geschenke-Tante. Sie begegnet den Menschen in den ärmsten Regionen der Welt auf Augenhöhe, ist von ihren Talenten und ihrer Integrität überzeugt und behält Recht damit.

 

Mithin wird hier keine Organisation aus dem reichen Deutschland in Afrika oder Asien aktiv. Aktiv werden die Menschen dort selbst. So initiiert Ketaatketi NGOs in den Ländern selbst, von Einheimischen auf die Beine gestellt, die dort autark und völlig selbstbestimmt agieren. Ketaaketi bleibt zwar im Hintergrund, berät aber und ist den Organisationen ein verlässlicher, dauerhafter Partner. Insofern unterscheidet sich Ketaaketi von den meisten Hilfsorganisationen. Das wird auch von den beteiligten Ländern gewürdigt, die Ketaaketi mit zahlreichen Auszeichnungen gelobt haben.

 

Nachhaltigkeit spielt dabei eine große Rolle. Und was könnte nachhaltiger sein, als Kindern Bildung zu vermitteln? „Alle Kinder brauchen Bildung“ ist das Credo von Ketaaketi. So kann aus den Ländern, in denen die Ärmsten der Welt leben, eine lebenswerte Heimat werden. Doch damit das funktioniert, braucht es nicht nur neue Schulen, die mit bloßen Händen errichtet werden, sondern auch Eltern, die über die Mittel verfügen, ihre Kinder in die Schule schicken zu können. Denen wird mittels Mikrofinanzierungen der Anschub gegeben, sich eine Existenz aufzubauen, die die Familie ernährt und den Kauf von Schulkleidung und Schulbüchern ermöglicht. Das Geld bekommen sie nicht geschenkt. Ihnen wird der Betrag - zumeist umgerechnet etwa 100 Euro -  im juristischen Sinne „geliehen“, also unentgeltlich, zinsfrei. Aber muss zurückgezahlt werden und fließt wieder in den von der heimischen NGO verwalteten Topf, mit dem dann weitere Familien unterstütz werden. „Das ist, als ob man eine Blume pflanzt, die sich langsam aber sicher ausbreitet“, beschreibt es Anneli Räcker. Tatsächlich breiten sich die Pflanzen von Ort zu Ort aus. So wurden aus einem Projekt in Nepal, wo Ketaaketi von Beginn an aktiv ist, inzwischen insgesamt mehr als 40. Auch in Sierra Leone, das seit drei Jahren im Fokus von Anneli Räcker und ihren engagierten Helfern im Dreieck Wilhelmshaven-Oldenburg-Bremen steht, helfen sich mittlerweile die Menschen in vielen Orten selbst. In Burundi befindet sich die erste NGO derzeit in der Startphase.

Die Menschen in den Dörfern von Sierra Leone sind voll des Lobes und der Dankbarkeit. Dabei ist es ihre Leistung, mit der sie sich eine kleine aber tragfähige Existenz aufbauen. Doch wissen sie zu schätzen, dass Ketaaketi, bzw. die NGO’s vor Ort nicht mit Knebelverträgen kommen, sondern sich die Sorgen und Nöte der Menschen anhören und flexibel reagieren. Dennoch funktioniert das System. Die Empfänger einer solchen Mikrofinanzierung wissen, dass Brüder, Schwestern und andere Bekannte im eigenen oder im Nachbardorf darauf warten, dass die Gelder zurückfließen, damit sie in deren Genuss kommen. „Sanfter Druck muss schon sein“, weiß die welterfahrene Ketaaketi Frontfrau Anneli-Sofia Räcker.


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