· 

Teil 3

Und dann wird es ganz ruhig im Rund. Ein junger Mann begibt sich mitten in den Freiraum zwischen der versammelten Dorfgemeinschaft und uns, den Besuchern aus dem reichen Deutschland. Breite Schultern hat er, starke Arme und große Hände. Die braucht er auch, denn auf ihnen stemmt er sich durch die Welt. Seine nackten Beine, verkümmert, bewegungs- und mithin nutzlos, schleift er unter seinem stämmigen Oberkörper über den staubigen, steinigen Grund.

 

Man möchte wegschauen. Doch hier ist Hinschauen das Gebot. Ich verstecke mich hinter meiner Kamera, besinne mich auf Professionalität, schäme mich gleichzeitig für meinen fotografischen Voyeurismus und mache einige, viel zu wenige Aufnahmen. Doch dieser Mann will in diesem Moment gesehen, beachtet, fotografiert werden. Welch einen Mut muss es ihn gekostet haben, vor dem gesamten Dorf und diesen fremden, weißen Menschen zu erscheinen! Aber er platzierte sich mitten vor alle, nicht sitzend, nicht stehend.

 

Er stellt sich kurz vor, erwähnt, dass seine Eltern nicht mehr leben und äußert einen Wunsch, dessen Erfüllung sein Leben verändern würde. Er wünscht sich einen Rollstuhl. So etwas kostet runde 100 Euro.

 

Ich ahne, was gerade in den Köpfen von Anneli und Uta vorgeht. In diesem Moment haben sie das gesamte Ketaaketi-Konzept beiseitegeschoben. Ihm zu antworten: „We‘re so sorry! But that is not our business.“ - ein absolutes No-Go! Hier geht es nicht um die Gründung einer Existenz, nicht um eine nachhaltige Anschubfinanzierung für ein besseres Leben - hier geht es um einen Rollstuhl. Und zwar sofort! Er wird ihn bekommen. Dessen bin ich mir sicher.

 

Das Beispiel zeigt, dass Ketaaketi sich ständig bewegen, verändern muss. Prinzipienreiterei bringt nicht weiter. Flexibilität und Wandlungsbereitschaft sind gefragt. Ein anderes Beispiel: Den drei Dörfern von Tasso wäre vermutlich geholfen, wenn sie Fischerboote hätten, die aus dem Hafen hinaus bis in die Fischgründe des küstennahen Gewässers bringen würden. Für jedes Dorf vielleicht ein Boot. Ihre Ruderboote sind dazu nicht hinreichend seetüchtig. Aber solche Boote - wir sprechen von offenen Holzbooten mit einem Außenborder, kosten viel Geld. Mehr, als durch eine Mikrofinanzierung zusammenkäme. Mehr, als die Fischer je zurückzahlen könnten. Auch hier müssen, will man den Menschen nachhaltig helfen, neue Wege gefunden werden. Und schon sitzt Anneli-Sofia Räcker wieder nachts auf der Bettkannte und grübelt in ihren Notizblock hinein.

 

Neue Weg wird man mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Mikrofinanzierungen gehen. Hier wurden bislang nun Frauen bedacht. Sie gelten als zuverlässiger, familiennaher und mehr auf die Kinder bedacht. Doch immer lauter wird der Ruf nach solcherart Unterstützung für die Männer. Also: warum eigentlich nicht? Eins zu eins ist das Konzept von Frauen nicht auf Männer zu übertragen. Männer haben anderes vor als Frauen. Auch muss man sich überlegen, ob in einer Familie zwei Finanzierungen möglich sein sollen. Und… und… und…

 

Ach ja: Und dann fällt einem Reisenden durch ein spannendes Land natürlich ein, weitere Besucher nach Sierra Leone zu locken. Aber das ist wird das Thema meines nächsten und letzten Teils vom Tagebuch Salone. 


Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Cornelia (Sonntag, 17 März 2019 17:09)

    Kann ich etwas dazu beitragen dass er seinen Rollstuhl bekommt?

  • #2

    Albert (Sonntag, 17 März 2019 17:12)

    Das ist ganz lieb, liebe Cornelia! Aber er hat ihn schon. :-)

  • #3

    Sabine Hellberg (Freitag, 23 August 2019 10:35)

    Den Menschen mit Deinen Fotos bis in die Seele schauen, Albert, das ist Dir gelungen. Und selbstredend berühren mich Deine Worte zutiefst. Solche Erfahrungen habe ich im Nimbs County in Liberia auch gemacht. Afrika, der gebeutelte Kontinent. Wie wunderbar, dass Du seine Menschen in den Fokus rückst.