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Teil 4

 

Heute will ich einfach mal plaudern. Über uns, unsere Reise, unsere kleinen Freuden und kleinen Molesten.

 

Wir waren die ganze Tour über zu viert. Anneli-Sofia Räcker, Gründerin und nimmermüder Spiritus Rector von Ketaaketi, Uta Kontantinovic, die alles organisiert, dass bei Ketaaketi etwas mit Sierra Leone zu tun hat, der stets gut gelaunte Yembeh Mansarey Leiter der NGO Mindokatie Salone (= Wir bringen Sierra Leone vorwärts.

 

Er weigerte sich über die gesamten 10 Tage strickt, zuzugeben, dass ihn die ständige Fahrerei anstrengt oder wenigstens nervt. Dabei ist das Fahren in Sierra Leone schon eine besondere Kunst. Entweder man fährt, nein, steht durch Freetown. Dann muss man - so wie Yembeh - die Zauberkraft besitzen, sein Fahrzeug binnen Sekunden, passend zur aktuellen Situation, um einen Meter kürzer oder schmaler zu machen. Anders kann ich es mir beim besten Willen nicht erklären, wie er mit unserem Fahrzeug unbeschadet durch Freetown kommen konnte. Oder man fährt, nein rumpelt, übr die Fernstraße. Dazu bedarf es eines sehr tief liegenden Radars. Um die temperamentvollen Saloner auf der richtigen Geschwindigkeit zu halten, sind nämlich so alle fünf bis zehn Kilometer etwa zehn Zentimeter hohe Asphaltbuckel über die Straße gelegt - sog. Street-Bumps (weiß nicht, ob das richtig geschrieben ist.) Die Abstände sind jedoch völlig unregelmäßig, um im Dunkeln sind die Hindernisse absolut nicht zu sehen. Wer aber da ungebremst drüber rauscht, hat hinterher zwei Achsen weniger unter dem Chassis. Doch Yembeh witterte die Dinger. Unfassbar! Und dann sind da noch die Landstraßen zweiter Ordnung. Hierzulande wären das Idealstrecken für Cross-Road-Radler. Mehr als 30 km/h ist da nicht drin. Besser: Schritt-Tempo! Uns machte das ja nicht so viel aus. Da kippt man sich eben mal das Wasser über das Hemd, rutsche mal ein Strich quer über den Merkzettel oder - in meinem Fall - flog mal die Kamera aus der Hand. Doch Yembeh verlor niemals die Nerven. Auch nicht, wenn solch eine Strecke mal 50 Kilometer lang war.

 

Anneli saß derweil im Font und füllte ihr Heft mit Notizen zur Erinnerung, Ideen, grundsätzlichen Gedanken und vor allem vielen Pfeilen zwischen den einzelnen Absätzen. Anneli war gewissermaßen unser Mind-Map auf zwei Beinen. Zwischendurch rupfte sie schon mal einen Zettel aus dem Heft heraus und übergab ihn als Erinnerungshilfe an einen von uns. Wir bedankten uns artig, machten uns aber gar nicht erst die Mühe, Inhalt und Zusammenhänge der Elaborate zu verstehen. Um Anneli brauchten wir uns jedenfalls keine Sorgen zu machen. Sie war beschäftigt.

 

Uta machte da schon mehr Kummer. Genauer: Ihre linke Gesichtshälfte, die schon nach zwei Tagen ordentlich schmerzte. Da der Mediziner der Therapie bekanntlich die Diagnose vorangestellt hat, hatten wir alle alsbald eine parat. Die wechselten fast stündlich und tauchten nach unregelmäßigen Abständen wieder im Angebot auf. Uta half das gar nichts. Ihr tat einfach nur der Zahn, der Kiefer, der Hals - egal! - es tat weh! So stand sie alsbald vor der Entscheidung, wegen der Schmerzen in Agonie zu verfallen oder nach unbotmäßiger Medikamenteneinnahme. Sie entschied sich für letzteres. Nur eines hatte sie sehr rasch entschieden: einen Zahnarzt in Walima oder Kabala aufzusuchen, kam für sie nicht infrage. Eher hätte sie sich vermutlich enthaupten lassen.

 

Ach ja - und da war da noch dieser Filmer und Knipser. (Wie schreibt man eine Glosse über sich selbst?) Den hätte man jedenfalls am besten an einer Wäscheleine befestigt. Bei jedem Gang hinkte er hinterher. Er musste ja schließlich Fotos machen. In der Stadt hat Yembeh die Fensteröffner blockeiert und die Kindersicherung aktiviert, damit der Knipser nicht die Kamera zur dankbaren Entgegennahme aus dem Wagen hielt oder raussprang, wenn er ein Motiv sah. Wenn er aber den Wagen mit hochoffizieller Genehmigung seitens Chief Yembeh’s zwecks Fotoerstellung verlassen durfte, versäumte er nie, den im Fußraum deponierten Hut und seine Wasserflasche mit auf die Straße zu fegen. (Augenroll!)

 

Ja, wir war schon eine muntere Truppe. Es hat einen Mords-Spaß gemacht mit uns! Vor allem unsere Zuversicht war bemerkenswert. Ganz gleich ob 200 Kilometer oder zehn, Yembeh vermeldete auf diesbezügliche Fragen stets gelassen und freundlich: „Ten minutes to Kabala!“ 


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Kommentare: 1
  • #1

    Sabine Hellberg (Freitag, 23 August 2019 10:51)

    Ich habe the 10 minutes to go inhaliert und mit dem quirligen Palaver streichte mich ein Hauch von Afrika's Seele. Dein vierter Salome Teil Albert, vermittelt mir die immerwährende Lebensfreude der Afrikaner und die Bilder von Freetown versetzten mich nach Monrovia zurück. Danke für diese Erfahrung.